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Dr. med. Thomas Franz Krebs im Interview

von Alexandra Frei

Herr Dr. Krebs, wie hat sich die gesellschaftliche Position von Ärzten in den letzten 20 Jahren verändert? Sind sie immer noch «Götter in Weiss»?

Die gesellschaftliche Position der Ärzteschaft unterliegt einem kontinuierlichen Wandel. Aus meiner Sicht werden die Ärzte nicht mehr als „Götter in Weiss“ angesehen, jedoch besitzt die Ärzteschaft vergleichsweise immer noch einen sehr hohen, sozialen Status. Die Patienten treten den Ärzten im Vergleich zu früher durchaus selbstsicherer und kritischer gegenüber, was insgesamt zu begrüssen ist.

 

Ein Chirurg unter «klassischen» Führungskräften: Was reizt Sie, am Wirtschaftsforum Thurgau als Referent und Gesprächspartner mitzuwirken?

Ich habe die Einladung zum Wirtschaftsforum Thurgau als Gastreferenten und Gesprächspartner gerne angenommen, weil ich den interdisziplinären und interprofessionellen Austausch für sehr wertvoll erachte. Über den Tellerrand hinauszuschauen liegt mir persönlich sehr. Ich bin neugierig auf andere Berufsbereiche.

 

Wo sehen Sie in Ihrem Tätigkeitsgebiet Parallelen zur Führung in Unternehmen, wo gibt es Unterschiede?

In meiner Funktion als Chefarzt und Mitglied der Spitalleitung obliegt mir neben der Führung des Fachbereiches auch die Systemführung, einschliesslich Budgetprozess, Investitionsplanung, Risikomanagement und Beschwerdemanagement. Letztlich ist ein grosser Teil meiner Tätigkeit mit der Führungsarbeit in privatwirtschaftlichen Unternehmen vergleichbar.

Der grosse Unterschied liegt naturgemäss in meiner Hauptprofession, welche die ärztliche Arbeit als Kinderchirurg ist.
Darüber hinaus unterscheidet sich auch das grundsätzliche Unternehmensziel. Im Spital steht nicht das gewinnwirtschaftliche Streben mit Maximierung der Erträge im Vordergrund, sondern die Optimierung des Behandlungsprozesses gemäss medizinischem Fachwissen (State of the Art).

 

«Die Gesundheitskosten werden immer höher» ‒ ist das für Sie mehr ein Lamento oder eine berechtigte Sorge?

Die steigenden Gesundheitskosten sind meines Erachtens sehr gut erklärbar. Einerseits durch demographischen Wandel der Bevölkerung, denn diese wird immer „älter“ und benötigt insbesondere in den letzten Lebensjahren kontinuierliche Gesundheitsleistungen. Zudem werden ständig weitere, diagnostische und therapeutische Optionen entwickelt, welche im Einzelfall extrem teuer sein können. (Individualisierte Medizin). Hierzu ist eine gesellschaftliche Grundsatzdebatte zu führen, welche festlegt ob die erklärbar, stetig steigenden Gesundheitskosten von der Bevölkerung getragen werden können/sollen. Dies im Sinne einer optimalen Medizin für jede Einzelperson mit jeder Erkrankung oder ob, bei einer Deckelung der Gesundheitskosten, die verfügbaren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten nach bestimmten Regeln einer Limitierung oder Priorisierung unterliegen müssen. Dies kann nicht durch die Ärzteschaft geklärt werden, sondern muss durch eine gesellschaftliche Debatte entschieden werden. Was in jedem Fall zu vermeiden ist, wäre eine Entscheidung auf Grundlage von Lobbyismus. Hierbei kämen seltene Erkrankungen oder Personenkreise mit geringer, öffentlicher, gesellschaftlicher Repräsentanz nicht zum Zug und würden bei der Finanzmittelzuteilung unzureichend berücksichtigt.

 

Wie muss sich die Ausbildung im schweizerischen Gesundheitswesen entwickeln, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein?

Die Ausbildung im schweizerischen Gesundheitswesen sowohl im Pflegebereich als auch im Ärztebereich muss in Qualität und Quantität den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend weiterentwickelt werden. Dies ist in Vergangenheit zumindest im ärztlichen Bereich aus meiner Sicht nicht ausreichend geschehen. Einerseits sind neu entstehende, medizinische Bereiche (z. B. Online-Suchterkrankungen) zu berücksichtigen. Darüber hinaus sollte die stetig fortschreitende, ärztliche Spezialisierung wegen der oft zu geringen, nationalen Fallzahlen, zumindest im kinderchirurgischen Bereich Rotationen und Ausbildungszeiten im Ausland mit fallzahlstarken Zentren (Einzugsgebiet einer universitären Ausbildungsklinik > 2 Mio. Einwohner) beinhalten.

Herzlichen Dank für das Interview, wir freuen uns auf Ihren Auftritt am 22. Wirtschaftsforum Thurgau 2018.

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