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Interview mit Daniel Dettling

von Julia Frischknecht

Das Thema vom Wirtschaftsforum Thurgau 2020 lautet «Verantwortungsvolles Handeln nach 2020» – wie sieht dieses verantwortungsvolle Handeln aus Ihrer persönlichen Sicht aus?

«2020» bedeutet eine Zäsur für Unternehmen, Politiker und Bürger. Die Corona-Pandemie ist die grösste Menschheitskrise seit langem und fordert unser bisheriges Verständnis von Leben heraus. Bis zum Ausbruch des Virus Covid-19 dachten wir, wir haben die Welt wissenschaftlich und wirtschaftlich im Griff. Heute müssen wir feststellen, dass wir sehr zu wenig wissen über die Ursachen und Folgen. Wir ahnen jedoch, dass sich vieles ändern muss, wenn wir wieder unser altes Leben zurückhaben wollen und wir selbst verantwortlich sind. Die Megatrends Klima, Gesundheit und Globalisierung lassen sich nicht mehr voneinander trennen. Verantwortungsvolles Handeln muss künftig ihre Folgewirkungen früher und umfassender berücksichtigen und einkalkulieren. Die bisherige Globalisierung mit ihren beiden Prinzipien Preis und Effizienz ist durch die Pandemie passé.

 2020 war bisher ein turbulentes Jahr – was ist, Stand heute, ihr grösstes Learning aus der Corona-Zeit?

Dass alles voneinander abhängt: wie wir leben, was wir produzieren und wie wir uns informieren. Was in China, Afrika oder im Nahen Osten passiert oder auch nicht passiert, kann unmittelbare Konsequenzen für unser Leben in Europa haben. Wir müssen daraus lernen und unser wirtschaftliches, soziales und politisches Immunsystem stärken durch mehr globale Kooperation, aber auch durch die Stärkung lokaler Prozesse und Räume. Die europäische Antwort auf die bisherige Hyper-Globalisierung ist die achtsame Glokalisierung.

 Wie glauben Sie, wird sich unsere Zukunft, privat wie beruflich, durch das Corona Virus verändern?

Privat werden wir vorsichtiger sein und uns mit Abstand begegnen. Zumindest, solange es noch keinen Impfstoff gegen das Virus gibt, wahrscheinlich aber noch länger. «Social Distancing» wird auch unser Arbeitsleben verändern. Wir werden mehr zu Hause arbeiten, weniger in Büros gehen und reisen. Gewinner dieser Entwicklung sind Räume und Orte, die beides verbinden: Nähe und Distanz. Von Co-Living über Co-Working bis hin zu Co-Mobility werden neue Formen des Zusammenlebens, Arbeitens und Unterwegsseins entstehen.

Wie nachhaltig werden die vorhergenannten Veränderungen in der Gesellschaft bestehen?

Es wird kein Zurück mehr in die vermeintlich «gute alte Zeit» vor Corona geben. Die Entwicklungen und Folgen der Disruption durch die Pandemie sind irreversibel. Im Gegenteil: Corona wird den Megatrend hin zu mehr Nachhaltigkeit beschleunigen. Die Dekarbonisierung der Wirtschaft bis 2050, wenn nicht früher, wird zum grossen Zukunftsprojekt und verbindet Gesundheits- und Umweltschutz. Die Zeiten für einen «Green and White Deal» stehen gut. Alle Branchen haben verstanden, dass sie nachhaltiger, grüner und gesünder werden müssen.

 

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de) mit Sitz in Berlin. Im Juni erscheint sein neues Buch «Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben» (LangenMüller).

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